Parascha ZAW Lev. 6:1 – 8:36

Schabbat haGadol = der große Schabbat vor Pessach 10. Nissan 5780; 4. April 2020

Auch diese Kapitel der Toralesung befassen sich mit Geboten, weshalb christliche Bibelleser sich mit solchen Kapiteln schwer tun. Es scheint sich viel zu wiederholen. Es fehlt das Narrative und manchmal das offensichtlich Verständliche. Ein wichtiger Grund für diese Schwierigkeiten sind die fehlenden Hebräischkenntnisse und die fehlende Verbindung durch gelebte Tradition. Im Judentum gehört der Tempel zum kollektiven Gedächtnis und spiegelt sich in den Gebeten des Synagogengottesdienstes wider. Schauen wir uns also die Gebote und das Priesteramt genauer an.

Gebote verbinden

Diese Wochenlesung befasst sich mit Vorschriften für Aaron und seine Söhne, die in den Dienst im Tempel eingesetzt werden. Das erste Wort, nachdem diese Lesung benannt wird, heißt: צַו Zaw! Gebiete!
Es geht also nicht einfach um eine Weisung wie beim Wort Tora, sondern um ein handfestes Gebot für den Dienst im Tempel. Zu dem Wort zaw gibt es etwas Überraschendes  und Interessantes zu erklären. Es heißt nicht nur: gebiete, woraus das Hauptwort מִצְּוָה Mizwa wird. Es heißt auch: Verbindung. Dadurch entsteht ein ganz neuer Blick auf die Gebote, die Gott uns kleinen Menschlein gab: Sie schaffen eine Verbindung zwischen dem unendlichen Gott und den endlichen Erdenwesen. Aus der undenkbaren Größe des gesamten Weltalls, indem wir weder als Planet Erde noch als ihre Bewohner besonders auffallen, schafft Gott gerade zu uns diese Verbindung, die uns in der gesamten Schöpfung und Weite des Universums einzigartig macht. Diese Verbindung durch Gebote führt unser Leben auf einen gangbaren und sinnvollen Weg und begründet den Bund zwischen Gott und Mensch. Gott bindet sich an uns und wir uns an IHN. Diese Gebote zeigen, wie wichtig wir kleinen Nichtse innerhalb seiner unendlich erscheinenden Schöpfung sind! Freuen wir uns doch über jedes Gebot![1]

613 Ge- und Verbote

Das Judentum ist bekannt für seine 613 Ge- und Verbote und wird damit oft christlicherseits als defizitär dargestellt und als erlösungsbedürftig. Ich kenne solche Aussagen aus der Vergangenheit, Juden müssten sich mit der Einhaltung der Gebote die Erlösung verdienen. Oftmals wird Paulus dabei zitiert, dem es aber bei der Art von Gesetzten, die er verwarf, nicht um die fünf Bücher Mose und ihre Mizwot ging, sondern um übertriebene Hinzufügungen, die innerhalb der mündlichen Tora diskutiert wurden. Doch um über diese Gebote der schriftlichen Tora und ihre Sinnhaftigkeit zu urteilen, müssen wir sie uns erst einmal ansehen.
Innerhalb dieser Gebote befinden sich solche wie die aus der heutigen oder letztwöchigen Parascha, die sich mit dem Tempeldienst, den Opfern und den Priestern befassen. All diese Gebote haben heute ihre Gültigkeit verloren, weil es in Jerusalem keinen Tempel mehr gibt. Ebenso gibt es keinen König mehr in Israel und keine Sklaven, und die Strafen werden nach Entscheidung der jüdischen Weiser so gehandhabt, wie es in dem Land üblich ist, in dem man lebt. Das moderne Israel ist eine Demokratie, die sich an die demokratischen Standards der Welt hält.
Nun sollte man sich die Gebote ansehen, welche weiterhin Gültigkeit haben. Natürlich sind da Gebote, die ausschließlich das Judentum betreffen, wenn es um die Speisegebote und Reinheitsvorschriften geht. Letztere haben Juden in der Diaspora oft schon das Leben während Seuchenzeiten gerettet. Dafür wurden sie dann von Verschwörungstheoretikern umgebracht. Folgen ignoranter Unwissenheit, damals überwiegend in den christlichen Kirchen.
Jedoch was spricht gegen Gebote bezüglich Gott, Gebet und Tora bzw. Bibel? Ist es nicht für jeden Glaubenden selbstredend, dass nur Gott die Ehre gebührt und nicht den Götzen; dass wir vielleicht sogar mehrmals am Tag beten und die Bibel gründlich lesen sollten? Der Jude Paulus sagte sogar: Betet ohne Unterlass! (1. Thess.5,16) Was spricht gegen die Einhaltung der Feiertage, für Juden dazu der Schabbat und für Christen der Sonntag?! Sind nicht auch Gesetze bezüglich Erbschaft, Kauf und Schadensersatz Bestandteile der weltlichen und sehr hilfreichen Gesetzgebung? Wir sind doch froh, dass Bestechungen verboten sind, dass das, was wir kaufen der jeweiligen Aufschrift entsprechen muss; dass Diebstahl, Übervorteilung und Betrug sowie Gewalt verboten sind. Darüber gibt es keinen Diskussionsbedarf. Ebenso ist ungerechter Umgang mit Arbeitnehmern verboten und Beleidigungen. Ich will einige weitere, sehr selbstverständliche Verbote hier zitieren aus[2] https://www.talmud.de/tlmd/die-ge-und-verbote-nach-maimonides/#Vergehen_an_Menschen_und_Tieren:
297. Bei Lebensgefahr eines anderen unbekümmert abseits zu stehen 3. B.M. 19,16
298. Gefährdung eines anderen zu verschulden oder ihm einen Anstoß in den Weg zu legen (5. B.M. 22, 8)
299. Einem anderen  einen Anstoß in den Weg zu legen (3. B.M. 19,14)
300. Die Geißelung eines Schuldigen zu verschärfen (5. B.M. 25, 3)
301. Jemanden zu verleumden (3. B.M. 19,16)
302. Den nächsten zu hassen (3. B.M. 19, 7)
303. Den Nächsten zu beschämen (3. B.M. 19,17)
304. Rache zu üben (3. B.M. 19,17)
305. Beleidigung nachzutragen (3. B.M. 19,17)
oder aus dem Kapitel: Versündigung an autoritativen Gewalten
312 Dem obersten Gericht den Gehorsam zu versagen (5. B.M. 17,11)
313. – 314. Etwas zum Gesetz hinzuzufügen oder von ihm wegzunehmen (5. B.M. 13, 1)
315. – 316. Einem Richter, Fürsten, König oder Schulleiter zu fluchen (2. B.M. 22,27)
317. Irgend einem Israeliten zu fluchen (3. B.M. 19,14)
318. – 319. Vater und Mutter zu fluchen oder zu schlagen (2. B.M. 21, 15. 17.)

Wie verstehen nicht alles

Das ist ein Auszug der Gebote, über die Unwissende richten, sie dienten dazu, sich von Gottes Zorn freizukaufen. Können das meine Leser immer noch so unterschreiben? Von diesen Ge-  und Verboten gibt es keine Entbindung, durch keinen Erlöser. Wegen dieser Gebote, die das Leben von Menschen schützen und lebenswert machen, bestand Jesus darauf, dass die Tora niemals aufgelöst wird!
Mt.5,17 MEINET nicht, dass ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen aufzurichten. 18 Denn wahrlich, ich sage euch: Bis der Himmel und die Erde vergehen, wird nicht ein einziges Jota oder Strichlein vom Gesetz von der Tora vergehen, bis alles geschehen ist.
19 Wer nun eins dieser kleinsten Gebote auflöst und die Menschen so lehrt, wird der Kleinste heißen im Reich der Himmel. Wer sie aber tut und lehrt, der wird gross heißen im Reich der Himmel.

Das Einhalten solcher Gebote macht Beziehung unter den Menschen erst möglich. Die Gebote, die für Menschen nicht immer verständlich sind, hat Gott nicht zum Selbstzweck gegeben, denn Gott hat keinen Profit davon, ob wir uns an Gebote halten oder nicht. Gott braucht den Menschen nicht; ER schuf ihn aus Liebe. Die Gebote sollen dem Menschen dienen, auch wenn er nicht jedes Gebot versteht. Er handelt dann aus Glauben und aus Liebe zu Gott.
Kennen Sie das, dass Sie manches nicht verstehen, was Ihnen im Leben begegnet? Sie hadern mit Gott, weil der Ihnen offensichtlich Steine in den Weg legt. Warum? Warum Warum? Aber im Nachhinein wussten Sie vielleicht, WOZU es gut war! Sie sahen ein, wovor Sie bewahrt wurden oder welche neuen Begegnungen und Chancen sich eröffneten, weil Sie nicht einfach Ihren Ideen folgen konnten. So ist es mit den Geboten der Tora, die für das menschliche und begrenzte Gehirn nicht immer nachvollziehbar sind. Sie sind aber nicht gegen den Glauben; sie fordern Glauben. Deshalb hat Jesus die Tora aufgerichtet!

Dankopfer

Lev.6:2 BRU   Gebiete Aharon und seinen Söhnen, sprechend: Dies ist die Weisung der Darhöhung: die ist es, die hochaufsteigt auf ihrer Glut auf der Schlachtstatt die ganze Nacht bis zum Morgen, und das Feuer der Statt glüht daran fort.
Lev.6,5  LUTA Das Feuer auf dem Altar soll brennen und nimmer verlöschen; der Priester soll alle Morgen Holz darauf anzünden und obendarauf das Brandopfer zurichten und das Fett der Dankopfer darauf anzünden. 6 Ewig soll das Feuer auf dem Altar brennen und nimmer verlöschen.

Gott gebietet Aaron, auf dem Altar für die Opfer, welche Gott „dargehöht“ (Buber) werden sollen, das Feuer nicht verlöschen zu lassen. Das Feuer soll brennen! Denn Gott selbst ist ein verzehrendes Feuer, der für sein Volk eifert
Dtn.4,24 Denn der Herr, dein Gott, ist ein verzehrend Feuer, ein eifernder Gott.
In Dtn. 9,3 verspricht Gott, als dieses verzehrende Feuer Sein Volk in das versprochene Land zu führen. So, wie Gott brennt, so sollen unsere Herzen für ihn brennen und nicht erkalten.
Als zweibeiniges Heiligtum, das wir für Gott sind, soll unsere Liebe zu IHM in unseren Herzen brennend bleiben. Das bedeutet Arbeit, Einsatz, denn Holz muss aufgelegt werden. Es ist wie mit der Liebe zum Ehepartner: An der Liebe muss man arbeiten. Da Gott nicht sichtbar ist, gibt ER uns Sein Wort und die Möglichkeit zum Gebet, zum Gespräch ohne Voranmeldung oder Terminabsprache. Kommunikation erhält Beziehungen am Leben. Besonders eine Kommunikation, die darauf achtet, was der andere benötigt, nicht nur das eigene Ego. In der Hinsicht gibt Gott uns die Möglichkeit, unsere Liebe zu IHM in der Liebe zum Nächsten auszudrücken durch Wohltaten, praktische Hilfe oder finanzielle Unterstützung.
Und Gott gibt die Möglichkeit zum Dankopfer! Heute durch das Dankopfer mit unseren Lippen, aus denen das deutsche Wort „Lippenbekenntnisse“ wurde. Hier steht es in einem eindeutig positiven Kontext:
Hos 14:3 LUTA   Nehmt diese Worte mit euch und bekehrt euch zu GOTT und sprecht zu ihm: Vergib uns alle Sünde und tue uns wohl; so wollen wir opfern die Farren unsrer Lippen.
Für die damaligen Dankopfer gab es besondere Anlässe: 1. nach einer überstandenen Seefahrt, 2. während einer Reise durch die Wüste, 3. nach der Freilassung aus dem Gefängnis, 4. nach der Genesung von einer schweren Krankheit.
„Diese wundersamen Ereignisse spiegeln die Wunder wider, die Gott bewirkte, als wir Ägypten verließen. Das war die Zeit, als aus uns ein Volk wurde. Gott teilte das Meer, half uns, die Wüste zu durchqueren und sorgte für unser spirituelles und körperliches Wohl.“[3]
Wir erleben sicher noch mehr Wunder in unseren Wüstenphasen, für die wir danken und Gott täglich loben können. Besonders unsere Gesundheit ist derzeit ein wertvolles Gut. Wir sollten nicht vergessen zu danken, wenn wir gesund sind oder wenn wir eine Krankheit, auch eine leichte, überstanden haben. Wir sollten danken für alle Bewahrung in dieser Pandemie und besonders, wenn sie vorbei sein wird. Ich möchte auch dafür danken, dass Gott um jeden Menschen weiß, den ER in dieser Krankheitszeit zu sich holt. Es gibt eine Ewigkeit bei Gott.
Vielleicht müssen wir uns aber auch damit auseinander setzen, was wir versäumt haben oder wo wir unsere modernen Götzen krönten anstatt unseres guten Gottes. Danken wir IHM auch für die Möglichkeit des Neuanfangs nach jeder Krise und an jedem Morgen.

Weihung zum Dienst

Im 8. Kapitel lesen wir, wie Aaron und seine Söhne in ihr Priesteramt eingeführt werden. Wie sie sich waschen, kleiden, Opfer bringen, essen, und wie Mose sie mit dem Salböl מִּשְׁחָה = Misch’cha besprengt, sodass sie Gesalbte מְשִׁיח Maschiach werden.
Zu dieser Amteinführung gehört es, dass Aaron und seine Söhne diese Weihe in den Gottesdienst vervollkommnen durch ein entsprechendes Opfer und sich vom Eingang des Heiligtums nicht entfernen:
Lev.8,33 Und sollt in sieben Tagen nicht ausgehen von der Tür der Hütte des Stifts bis an den Tag, da die Tage eures Erfüllungsopfers aus sind; denn sieben Tage sind eure Hände gefüllt,
Das möchte ich in diesen Corona-Tagen ebenfalls als Ermutigung verstehen. Aaron und seine Söhne durften für 7 Tage den ihnen vorgeschriebenen Ort nicht verlassen, so wie wir heute unsere Wohnungen nicht verlassen sollen. Sieben ist die Zahl der Vervollkommnung, so wie Gott mit dem siebten Tag, dem Schabbat, Sein Werk vollendete.
Wir wissen zwar noch nicht, wie lange wir diese Kontaktsperre durchhalten müssen. Aber lassen wir uns doch mit der Aussicht ermutigen, dass für uns danach etwas Neues beginnt, wir dann hoffentlich auch Tage der Reinigung, d.h. der Besinnung und der Umkehr für den Neubeginn erfahren haben und befähigt sind für einen neuen Dienst für Gott und Menschen.


[1] https://www.synagoge-karlsruhe.de/parshah/article_cdo/aid/2892160/jewish/Die-zwei-Bedeutungen-von-Zaw.htm
[2] https://www.talmud.de/tlmd/die-ge-und-verbote-nach-maimonides/#Arbeitsgesetze
Wer sich auf dieser Seite umschaut, findet alle 613 Ge- und Verbote. Dann muss man die erwähnten Gruppen abziehen, die zwar ihre religiöse Bedeutung nicht verlieren, aber heute keine praktische Relevanz mehr haben. Somit können mehr als 200 Vorschriften heute nicht mehr angewendet werden.
[3] https://www.synagoge-karlsruhe.de/parshah/article_cdo/aid/871248/jewish/Vielen-Dank.htm

Wenn dir mein Beitrag gefällt oder du einfach jüdisches Leben in Deutschland unterstützen möchtest, lege ich dir die Chabad-Gemeinde in Karlsruhe ans Herz. Bitte spende für sie, damit immer mehr Juden zurückfinden in ihr Judentum und eine Heimat in dieser Gemeinde finden.
https://www.synagoge-karlsruhe.de/templates/articlecco_cdo/aid/445141/jewish/ber-uns.htm

Veröffentlicht von Debora Lapide

Schwiegertochter von Pinchas und Ruth Lapide Ich liebe das Wort Gottes und erkläre es auf der Basis seiner jüdischen Wurzel

2 Kommentare zu „Parascha ZAW Lev. 6:1 – 8:36

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